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Projekt Toranam nimmt Fahrt auf

Avatar of andreas.printz andreas.printz - 05. July 2018 - Aktuelles, Personen, International

von Monja Müller

In Indien hat die so genannte grüne Revolution gravierende Veränderungen in der Umwelt und der sozioökonomischen Situation der Menschen auf dem Land verursacht. Entgegen der Erwartungen von Wohlstand und Frieden, verursachte die Einführung von Hybridsaatgut, chemischen Düngemitteln und Pestiziden Umweltzerstörung, das Verlorengehen von traditionellem Wissen und die Abhängigkeit von großen Agro-chemischen Konzernen.

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Demonstration der Pflanztechnik

Diese multinationalen Unternehmen verkaufen den Bauern teures, nicht nachbaufähiges Saatgut, Düngemittel und Pestizide, doch in Jahren mit schlechter Ernte deckt der Erlös aus dem Verkauf der Produkte nicht einmal die Investitionen. Kleinbauern ohne Kapital haben keine andere Wahl, als immer mehr Kredite aufzunehmen um neues Saatgut und Düngemittel kaufen zu können. Gefangen in der Schuldenfalle sehen viele keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen.
Das Problem wird durch den Klimawandel verschärft. Viele Kleinbauern in der Projektregion berichten von zunehmender Trockenheit, da die früher Regen bringenden Niederschläge in der Monsunzeit immer häufiger ausbleiben. Auch ändern sich die jahreszeitliche Rhythmik und die Stärke der Niederschläge. Die Farmer können sich nicht mehr auf die Kontinuität der saisonalen Regenfälle verlassen. Einer Studie des indischen Umweltministeriums zufolge wird die Durchschnittstemperatur in Andhra Pradesh bis 2080 um 2,5 °C im Vergleich zu 2012 steigen. Als Folge von zerstörerischen Landbaupraktiken und des Klimawandels sind Bodenerosion und Degradation bis hin zur Desertifikation möglich und schon zu beobachten. Auch die Anfälligkeit der angebauten Kulturen für Krankheiten und Schädlinge nimmt zu und erschwert es, gute Erträge zu erzielen.
Die genannten Umstände machen eine Umstellung auf weniger arbeits- und kostenintensive, resiliente, wassersparende und hitzeverträgliche landwirtschaftliche Systeme nötig. Ein viel versprechender Ansatz ist die ökologische Agroforstwirtschaft. Durch den Anbau diverser verholzender und krautiger Pflanzen verteilt sich das ökonomische Risiko für die Landwirte auf mehrere Standbeine und es kommt zu positiven ökologischen Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Pflanzen, die auch den Boden und das Mikroklima verbessern.
Um praxisnah die Möglichkeiten der Agroforstwirtschaft auch in trockenen Gebieten aufzuzeigen, haben wir Im Herbst letzten Jahres zusammen mit einer indischen NGO das Projekt Toranam für nachhaltige Entwicklung in Südindien durch Agroforstwirtschaft, Umweltbildung und grüne Energie offiziell ins Leben gerufen und mit dem Aufbau der Demonstrationsfarm begonnen. Die Vorbereitungen haben schon viel früher begonnen, für mich im Mai und für Franzi sogar schon Anfang 2016. Aber im Oktober 2017 war es dann endlich soweit und nach unzähligen Gesprächen, Befragungen und Diskussionen, wissenschaftlichen Voruntersuchungen und der Ausarbeitung eines komplexen Pflanzplans konnten die ersten 70 Bäume gepflanzt werden – ein erhebender Moment. Die Bäume sind extrem gut angewachsen und die ersten tragen schon Früchte – die Vorteile des tropischen Klimas!

 

 

Um eine hohe Qualität des Agroforstkonzeptes zu erreichen, wurden die Böden auf der Projektfläche mit wissenschaftlichen Feldmethoden analysiert und bewertet. Das ermöglichte eine Abschätzung der Bodenfruchtbarkeit und war bei der Auswahl der Pflanzenarten, der Positionierung der Kulturen und der Nährstoffbilanzierung hilfreich. Die vegetationsökologischen Aufnahmen und die sozioökonomische Befragung lokaler Kleinbauern, sowie die Marktanalyse für lokale landwirtschaftliche Produkte boten weitere wertvolle Informationsbausteine. Unter Einbezug von Klimadaten und -prognosen der Region konnten so zwei praxistaugliche Agroforst-Modelle erarbeitet werden, die die Sozioökonomie und Ökologie des Ortes berücksichtigt und eine sinnvolle landwirtschaftliche Rhythmik (Bodenbearbeitung, Düngung, Fruchtfolge, etc.) hervorbringen kann.
Das erste Design trägt den Namen „Multipurpose trees over millet-based crop rotation“. Es dient einerseits dem Anbau von Hirse, Hülsenfrüchten, Cash Crops und Futtergräsern in marktorientierten Mengen. Andererseits enthält es Bäume die Früchte, essbare Blüten und Blätter, Viehfutter, sowie die Basis für ökologische Düngemittel und Pestizide. Es werden aber auch Kosmetika und Nahrungsmittel produziert. Alle ausgewählten Bäume haben mehr als einen Nutzen für den Landwirt, sind gut an die klimatischen und bodenökologischen Bedingungen vor Ort angepasst und sind einfach in der Pflege. Auch wurde darauf geachtet, dass Arten, die von denselben Schädlingen befallen werden können, einen möglichst großen Abstand zueinander haben. Zwischen den im Oktober gesetzten Bäumen wurde als erste Frucht die Pferdebohne angebaut, eine stickstofffixierende Frucht, die kaum Pflege und keine zusätzliche Bewässerung benötigt, aktuell wächst Fingerhirse heran.
Das zweite Design ist ein Dryland Homegarden, der das ablaufende Wasser der Küche nutzt. Diese Anlage erinnert mehr an einen Wald und dient vor allem der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse und im ausgewachsenen Stadium dem Anbau von Gewürzen.
Beide Designs wurden als Demonstrationsflächen auf dem Gelände der NGO angelegt um in Zukunft vielen Kleinbauern in der Region alternative und zukunftsfähige Anbaumethoden aufzeigen zu können.
Der Projektmanager und der Betriebsleiter wurden intensiv und grundlegend in der Erstellung und Pflege der beiden Agroforst-Systeme geschult. Im Rahmen des erarbeiteten Umweltbildungskonzepts wurde ein Workshop zur Umweltbildung und Grundzügen der Agroforstwirtschaft für interessierte Teilnehmer aus der weiteren Umgebung abgehalten. Für Wissenschaftler und freiwillige Helfer aus dem In- und Ausland besteht die Möglichkeit, das Projekt für eine bestimmte Zeit zu unterstützen und auch auf dem Gelände zu wohnen.
Das angeschlossene Wirtschafts- und Bildungszentrum soll innerhalb von zwei Jahren Erträge aus Verarbeitung und Vermarktung ökologisch erzeugter Produkte finanziell selbstständig sein. Um den weiteren Aufbau der Demonstrationsfarm und die Anlage von Pilotflächen bei Kleinbauern, den Aufbau der Weiterverarbeitung und des Bildungszentrums und die Löhne zu finanzieren brauchen wir in den kommenden anderthalb Jahren noch viel Geld, weshalb wir uns bei der Erbacher Stiftung, beim Rapunzel Hand in Hand-Fonds und bei der Google.org Impact Challenge beworben haben.
Und wer hätte es gedacht – alle Bewerbungen sind positiv ausgefallen. Was für ein genialer Erfolg für den wir uns ganz herzlich bei allen bedanken wollen die für uns abgestimmt haben!

Preisverleihung in Berlin mit Scheibe von Baum der nur 2 Jahre in tropischer Agroforstwirtschaft gewachsen ist

Mehr Informationen zu unserem Projekt findet Ihr unter www.toranam.net.

Monja Müller und Franziska Weißörtl sind beide Master UPIÖ (Umweltplanung und Ingenieurwissenschaften) Studentinnen an der Studienfakultät.

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