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logistikLANDSCHAFTEN

Avatar of Redakteur: Marco Giardino Redakteur: Marco Giardino - 28. June 2018 - Studienalltag, Aktuelles, Lehre, Forschung

von Sören Schöbel, Michael Schmölz und Sabine Kern

Fläche kann man nicht verbrauchen, Landschaft aber schon!

Mit den Windrädern und den Stromtrassen fing es an, nun hat sich die Diskussion darüber, wie bayerische Landschaften in Zukunft aussehen werden, endlich zum Flächenthema entwickelt. Es geht nicht mehr nur noch um die Veränderungen gewohnter Bilder, sondern um Flächenfraß, Betonwut, Landschaftszerstörung durch viel zu breite Straßen, schier unendliche Logisitikhallen, verschwenderische Parkplatzflächen sowie uniforme Ortsränder.

Höchste Zeit also, dass sich auch Landschaftsarchitekten in die Diskussion einschalten.

Lies hier den ganzen Artikel!

Perspektive: Gero Engeser

Dabei meint der weitverbreitete Kampfbegriff des 'Flächenverbrauchs' landläufig die bauliche Inanspruchnahme von landwirtschaftlichen Flächen und zielt in seiner Intention auf die Begrenzung eines Quantitätsproblems ab. Fläche kann man jedoch, zumindest auf quantitativer Ebene, grundsätzlich gar nicht verbrauchen oder gar fressen. Deshalb kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was das geforderte Qualitätsziel der Negation 'Flächenverbrauch' sein kann. Auf qualitativer Ebene geht es nämlich neben einer Begrenzung der baulichen Inanspruchnahme vor allem darum, dass aktuell die soziale und ökologische Inanspruchnahme verändert und zerstört wird. Die immer riesigeren Bauvolumen und monotonen Flächennutzungen in der Landschaft zerstören nicht nur die Orts- und Landschaftsbilder, sondern behindern auch die, für die Gesellschaft so wertvolle Zugänglichkeit und den Gebrauch der freien Landschaft.

Diese, seit vielen Monaten medial weit verbreitete, Diskussion zum Flächenverbrauch in Bayern und Deutschland, sowie die viel diskutierte Lockerung des Anbindegebots im Landesentwicklungsprogramm waren für LAREG Anlass sich über das Sommersemester 2018 hinweg in unterschiedlichen, inhaltlich miteinander verknüpften Formaten zusammen mit interessierten Studenten/innen mit dem Thema der quantitativen und qualitativen Inanspruchnahme von Landschaft zu beschäftigen. Beispielhaft wurde dabei mit logistikLANDSCHAFTEN, im speziellen mit dem Ersatzteillager der BMW nahe Wallersdorf, gearbeitet.

Dass sich endlich auch Landschaftsarchitekten in Lehre und Forschung mit diesem Thema beschäftigen, fand auch jenseits der universitären Grenzen eine breite Aufmerksamkeit. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird von dem Magazin MUH als Partner begleitet. In der Frühlingsausgabe Nr.28 der MUH erschien der Artikel "wesentlich Landschaft" von Prof. Sören Schöbel. In der nächsten Ausgabe erscheinen die Ergebnisse des Workshops. Der Spiegel bezog sich in dem Artikel "Flächenfraß" von Barbara Supp auf das Lehrformat und die darin erarbeiteten Inhalte und dokumentierte in einem kurzen Videointerview zum "Kampf gegen den Flächenfraß" den Workshop an der TUM.

Als Auftakt der Auseinandersetzung lud LAREG Anfang Februar zum KAMIN.ABEND um in einer gemütlichen Atmosphäre über dieses ungemütliche Thema zu diskutieren. Kurzfilme und Fachartikel zur landschaftlichen Sicht auf Warenströme und Warenlagerung sollten in das Thema einführen. Im Spannungsfeld von Anbindegebot und der Stärkung ländlicher Strukturen wurde erörtert, wie sich Landschaftsarchitekten in die Diskussion einbringen müssen. Auch wenn er persönlich leider nicht teilnehmen konnte, war die Abendveranstaltung visuell doch maßgeblich von den Luftbildaufnahmen des Luftbildarchäologen Klaus Leidorf getragen. Er dokumentiert seit Jahrzehnten wie die Bayrische Landschaft durch die oben genannten Flächennutzungen beansprucht wird. Seine Aufnahmen haben ganz wesentlich dazu beigetragen, dass das Thema Flächenverbrauch, Flächeninanspruchnahme und Landschaftszerstörung in das allgemeine öffentliche Bewusstsein vorgedrungen sind. Seine Aufnahmen zum BMW Warenlager in Wallersdorf waren Ausgangspunkt und Grundlage unserer Auseinandersetzung mit diesem Thema. 

Im Rahmen des WZW-weiten Tags der Offenen Tür (Studieninformationstag) Ende März bot LAREG dann darauf aufbauend ein ganztägig offen zugängliches Forschungsseminar unter dem Titel "logistikLANDSCHAFTEN. Wallersdorf ist überall? Warenströme in der Landschaft lagern"an. Fünfzehn Studierende aus dem Bachelor und Masterstudiengang der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung arbeiteten in Teams zusammen mit fünf Dozenten von LAREG an Stegreifentwürfen zum Thema der Integration großer Logistikkomplexe in der Landschaft. Am Beispiel des BMW Warenlagers in Wallersdorf sollte in Kurzentwürfen prototypisch untersucht werden, wie Lager und Logistik 'intelligent' in die Landschaft eingefügt werden könnten. Also so, dass die Baukörper nicht als plumpe, "dumme" Eingriffe in die Landschaft die vorhandenen Größenordnungen und Zusammenhänge des Raums zerstören, sondern aufgreifen, achten und weiterentwickeln.

Interessierte Gäste des Studieninformationstags waren herzlich zur spontanen Teilnahme eingeladen und konnten sich den ganzen Tag über zu den kleinen Gruppen mit Studierenden und Dozenten gesellen und so in die Entwurfs- und Forschungsarbeit über ein aktuelles Problem der Landschaften in Bayern hineinschnuppern. Ihre Ideen wurden in die Ideensuche einbezogen, die Teams 'protokollierten' deren Vorschläge in einfachen Skizzen und Wortmarken. Am Ende des Forschungsseminars entstanden so über einhundert verschiedene Entwurfsideen. Diese sind als Ideenblitze, die in schnellen Skizzen notiert wurden zu verstehen. Ziel war es, Gedankenexperimente zu entwickeln, Grenzen des Gewohnten zu überschreiten, Neues zu entdecken. Um nun eine Ordnung in diese Vielzahl von Ideen zu bekommen und so etwas wie Grundideen herauszufiltern, die sich auch in andere Landschaften übertragen ließen, wurden die Ideen in einer qualitativen Clusteranalyse in Gruppen zusammengefasst. Für jede dieser Gruppen von Entwurfsideen steht ein Sinnbild, eine Metapher, unter der man sich eine bestimmte Form von Baukörpern in der Landschaft vorstellen kann. Sie stehen gewissermaßen als Alternative zu den negativen Sinnbildern, die sich bei den üblichen Logistikkomplexen aufdrängen: der Kasten, das Ufo, das Monstrum ... die positiven Sinnbilder sind nun: die Falte, der Weiler, das Camp, das Streufeld, der Stein im Fluss, das Gangsystem, der Mantel, das Kostüm, die Brücke, das Loch, das Schaufenster, das Wahrzeichen und der Markt. 

 

Eine ausführliche Dokumentation der Ergebnisse dieses Forschungsseminars wird aller Voraussicht nach in der nächsten Ausgabe der MUH veröffentlicht. 

Weiterführende LINKS:

https://www.lareg.ar.tum.de/

https://www.muh.by/

http://www.leidorf.de/

Artikel: "Flächenfraß", DER SPIEGEL, Nr. 18 / 28.4.2018, S.58-62

Videodokumentation Workshop: "Kampf gegen den Flächenfraß", DER SPIEGEL, spiegel.de/sp182018flaeche

Artikel: "Weichenstellung fürs Leben", Süddeutsche Zeitung, 27. März 2018

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/freising/fuehrungen-und-vortraege-weichenstellung-fuers-leben-1.3923220

 

 

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