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Der Zwischenraum im Schatten der Alpen

Avatar of Redakteur: Marco Giardino Redakteur: Marco Giardino - 16. May 2018 - Aktuelles, Forschung, Lehre

von Martina van Lierop und Rieke Hansen

In diesem Beitrag geht es nicht um die Stadt und auch nicht um den ländlichen Raum. Hier geht es um die Zwischenstadt, auch peri-urbane Landschaft genannt. Diese Landschaften am Stadtrand sind oft ein wilder Mix aus offenen Landschaftsräumen und Gewerbegebieten, Wohnsiedlungen, Verkehrstrassen oder großen Anlagen zur Ver- und Entsorgung der Stadt wie Kraftwerke und Kläranlagen. Viele unserer alltäglichen Aktivitäten finden in diesen gewöhnlichen, oft "unspektakulären" Landschaften statt. Peri-urbane Grünflächen durchqueren wir, wenn wir in die Arbeit oder zur Universität fahren; wir genießen dort die Sonne in der Mittagspause, gehen Gassi mit dem Hund, kaufen Bio-Lebensmittel im Hofladen, arbeiten im Kleingarten und treffen Freunde zum Schwimmen und Grillen. Diese Grünräume sind somit wichtig für Freizeit und Erholung und tragen zu unserem körperlichen und geistigen Wohlbefinden bei. Sie verbessern das Lokalklima und bieten Lebensraum für verschiedene Arten wie Igel, Wechselkröte oder Grauspecht. Darüber hinaus produzieren Landwirte in diesen Landschaften Nahrungsmittel für die Stadtbewohner. Doch vor allem vor einer spektakulären Landschaftskulisse wie den Alpen verblassen die Qualitäten und Potenziale des peri-urbanen Raums. Wenn wir Freizeitvergnügen und Natur suchen, zieht es uns in Massen in die Berge - nicht selten führt das zu Überfüllung, Stress und Staus mit vielfältigen negativen Umweltauswirkungen.

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Foto: LOS_DAMA!

Im Rahmen des EU-Interreg-Projekts LOS_DAMA! stehen Erhaltung und Verbesserung von Kultur- und Naturgütern in peri-urbanen Landschaften des Alpenraums im Vordergrund. Dieses Ziel soll durch die Entwicklung multifunktionalen grünen Netzwerken erreicht werden. Verschiedene Partner aus dem Alpenraum führen dazu Pilotprojekte in Grenoble, Ljubljana, München, Salzburg, Trient und der Region Piemont durch. Die internationale Zusammenarbeit zeigt, dass es mit dem Erstellen von Plänen für grüne Netze nicht getan ist. Vielmehr besteht die Herausforderung in den Pilotregionen darin, Unterstützung für solche Pläne zu gewinnen und sie tatsächlich umzusetzen. Im Zentrum der Forschung, die unter anderem am Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung an der Technischen Universität München durchgeführt wird, stehen daher folgende Fragen:

1. Peri-urbane Landschaften bieten viel Raum für Erholung und Naturerlebnis und liefern Lebensmittel für die Region. Und obwohl wir diese grünen Räume für alltägliche Aktivitäten benutzen, schätzen viele sie nicht als interessant oder wertvoll ein. Wie können wir die Wahrnehmung der peri-urbanen Landschaften verändern? Wie können wir ihnen im Bewusstsein der Bevölkerung mehr Wert zuweisen und somit zum besseren Schutz der Natur- und Kulturgüter beitragen?

2. Als Bewohnerinnen und -bewohner einer Stadtregion nutzen wir oft den gesamten Ballungsraum. Wir arbeiten beispielsweise im Zentrum, kaufen im Gewerbegebiet am Stadtrand ein und treiben Sport in einem der umliegenden Stadtwälder. Die Gemeindegrenzen, die wir dabei überschreiten, spielen für unseren Alltag keine Rolle. Geplant wird die Stadtregion jedoch in den unterschiedlichen Gemeinden und jede legt Wert auf ihre Autonomie. Anreize und Instrumente zur Unterstützung oder Verbesserung der regionalen Zusammenarbeit und Koordination sind häufig schwach oder nicht vorhanden, insbesondere beim Thema Grünflächen. Wie können trotz der ungünstigen Ausgangslage regionale grüne Netze aufgebaut werden?

3. Peri-urbane Landschaften werden oft durch eine große Zahl von Funktionen und Landnutzungen gekennzeichnet. Dahinter steht eine Vielfalt an Stakeholdern aus Politik und Verwaltung sowie auch Unternehmen, Vereine, Bürgerinitiativen oder einzelne Bürgerinnen und Bürger. Unterschiedliche Interessen und Perspektiven können zu Missverständnissen, gegenseitigem Unverständnis und Landnutzungskonflikten führen. Land- und Forstwirte möchten möglicherweise nicht bei ihrer Arbeit in Wald und Feld von Scharen an Nordic Walkern, Dog-Sittern oder Mountainbikern aus dem gesamten Stadtgebiet gestört werden, der lokale Naturschutzverein sieht eventuell den Lebensraum einer geschützten Tierart sowohl durch die Landwirtschaft als auch durch Erholungssuchende gefährdet. Wie können die legitimen Ansprüche der unterschiedlichen Nutzergruppen im Rahmen der interkommunalen Zusammenarbeit ausgehandelt und zusammengebracht werden?

Um Antworten auf diese komplexen Fragen zu finden, wird im Rahmen des LOS_DAMA!-Projekts im September 2018 eine internationale Autumn School durchgeführt. In interdisziplinären Teams werden die Fähigkeiten und Kreativität von Studierenden und "Young Professionals" aus verschiedenen Ländern des Alpenraums vereint, um innovative Lösungsansätze zu drei konkreten Aufgaben zu entwickeln. Ein Team wird sich mit der Wahrnehmung verschiedener Stakeholder-Gruppen beschäftigen und kreative Ansätze und Entwürfe zur stärkeren Wertschätzung von peri-urbanen Landschaften in der Region München entwickeln. Ein zweites Team wird eine Vision für ein gemeindeübergreifendes multifunktionales grünes Netzwerk für die Stadtregion Salzburg entwerfen. In Salzburg wird derzeit ein Öko-Pool entwickelt, mit dem bauliche Maßnahmen durch die Entwicklung von Grünflächen in verschiedenen Gemeinden kompensiert werden können. Die Vision wird die Kommunikation des Öko-Pools an diversen Interessengruppen unterstützen. Um die Kooperation zwischen verschiedenen Nutzergruppen in peri-urbanen Gebieten und die Aushandlung der verschiedenen Ansprüche zu verstehen, wird ein Team ein Simulationsspiel entwickeln, das auf Stakeholder-Analysen und Zukunftsszenarien für die peri-urbane Landschaftsentwicklung basiert.

Die internationale Autumn School wird die LOS_DAMA!-Partner und darüber hinaus hoffentlich mit neuen Erkenntnissen und Methoden für die Entwicklung peri-urbaner Landschaften inspirieren. Vielleicht noch wichtiger ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als zukünftige Stakeholder mehr Verständnis für die Komplexität der peri-urbanen Landschaften im Alpenraum gewinnen und dieses Wissen in ihrer späteren beruflichen Tätigkeit einsetzen können. Alle Studierenden und "Young Professionals" sind daher eingeladen sich bis Ende Mai 2018 für die Autumn School zu bewerben. Alle weiteren Interessenten sind herzlich willkommen zur Abschlusspräsentation am 28. September 2018 und können die Ergebnisse in einem Blog auf der LOS_DAMA!-Internetpräsenz verfolgen.

Für mehr Informationen über die Autumn School: http://www.alpine-space.eu/projects/los_dama/en/pilots-results/autumn-school/application


Für mehr Informationen über LOS_DAMA!: http://www.alpine-space.eu/projects/los_dama/en/home


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Renaturierung Salzachauen (Foto: LOS_DAMA!)
Heidehaus (Foto: LOS_DAMA!)

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