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Der Bosco Verticale - Prestigeprojekt oder Zukunftsmodell?

Avatar of Redakteur: Marco Giardino Redakteur: Marco Giardino - 22. April 2018 - Forschung, International

von Ferdinand Ludwig

Der Bosco Verticale in Mailand ist eines der am meisten diskutieren Hochhausprojekte der vergangenen Jahre. Auch in der Landschaftsarchitektur hat das vor 4 Jahren von Stefano Boeri fertiggestellte Vorhaben kontroverse Debatten ausgelöst: Können übereinander gestapelte Bäume ein Ersatz für städtische Grünräume sein? Sind sie relevant für die Biodiversität und das Mikroklima in Städten? Handelt es sich beim Bosco Verticale um ein singuläres Prestigeprojekt oder kann es Schule machen und Pate stehen für eine neue Form dreidimensionaler Stadtlandschaften? Und last but not least stand Anfangs viel Skepsis im Raum: Funktioniert das überhaupt, und wenn ja, wie lange?

Für die Professur für Green Technologies in Landscape Architecture, die sich maßgeblich mit der Konzeption und Entwicklung innovativer grüner Technologien und Typologien beschäftigt, sind diese Fragen von sehr großem Interesse. Die Einladung zu einer Diskussionsveranstaltung über das neue Verhältnis zwischen Stadt und Natur nahm ich daher als Chance, um mir den Bosco Verticale von Laura Gatti vor Ort erklären zu lassen. Die Agrarwissenschaftlerin ist das "Mastermind" hinter dem Vegetationskonzept des Projekts.

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Foto: Ferdinand Ludwig
Foto: Ferdinand Ludwig
Foto: Ferdinand Ludwig
Foto: Ferdinand Ludwig

 

Wenn man sich dem Bosco Verticale im Stadtgefüge nähert, fällt zunächst auf: Zwischen all den glatten Glasfassaden steht ein in seiner Kontur etwas unklares, leicht struppig wirkendes Objekt. Kommt man näher wird offensichtlich, dass so gut wie alle Pflanzen einen sehr vitalen Eindruck machen. Bei einigen ist die Frühjahrsblüte gerade vorbei, andere treiben gerade aus oder sind kurz davor. Die Türme stehen in einem eher informell gestalteten Park mit als banal zu bezeichnenden Spielgeräten. Dadurch wirkt die Situation aber überraschend alltäglich: Spielende Kinder, auf Bänken sitzende Rentner und natürlich Touristen, die ihre Smartphones nach oben halten, teilen sich den Ort. Ab und zu segelt ein Blütenblatt nach unten oder man sieht einen Vogel 100 Meter über den Köpfen im Geäst landen. Obwohl ich mich mehrere Stunden im Umfeld des Projekts aufgehalten habe, konnte ich jedoch nie einen Menschen auf einem der Balkone entdecken.

Laura begründet dies damit, dass an diesem Wochenende viele Mailänder vor dem Trubel der Milan Design Week fliehen. Und ganz offensichtlich ist der "Bosco" - wie er hier von allen kurz genannt wird - tatsächliche ein Prestigeprojekt, in dem viele Reiche ihre Zweit- oder Drittwohnung haben. Im Gebäude treffen wir dann doch den ein oder anderen Bewohner. Laura berichtet von über sechs Jahren Planungszeit, in der unglaublich viele Widerstände überwunden werden mussten und von ihrem Kampf, den Bäumen möglichst optimale Wachstumsbedingungen zu verschaffen: Die Pflanzgefäße haben einen Substrataufbau von 90 cm, 150 Feuchtesensoren steuern die Bewässerung und viermal im Jahr seilt sich ein Team professioneller Baumpfleger vom Dach ab, inspiziert und schneidet die Pflanzen. Viel Aufwand. Das Ergebnis spricht aber für sich: Auch Lauras Erwartungen an die Entwicklung der Pflanzen wurden mehr als übertroffen, der Ausfall ist minimal. Die Frage der langfristigen Entwicklung bleibt natürlich abzuwarten. Laura verfügt aber über mehr als 25 Jahre Erfahrung mit Bäumen in Pflanzgefäßen und rechnet nicht damit, dass innerhalb der nächsten 30 Jahre Bäume in nennenswerten Umfang ausgetauscht werden müssen.

Bienen im 26. Stock sind zumindest ein Indiz dafür, dass die mehr als 90 Pflanzenarten tatsächlich ein urbanes Habitat für die städtische Fauna darstellen. Mit keiner anderen bekannten Maßnahme hätte man auf der extrem kleinen Grundfläche ein vergleichbares Ergebnis erreicht... Öffentliche Grünflächen ersetzt das Projekt dennoch nicht - die soziale Frage steht auf einem anderen Blatt. Hier kann das Projekt mit Sicherheit nicht punkten. Doch der Ausblick auf zukünftige Projekte könnte auch dieses Blatt wenden: Auf Lauras Schreibtisch liegen gerade acht (!) vergleichbare Projekte. Keine Anfragen, sondern konkrete Planungen. In China wachsen die nächsten grünen Türme schon in die Höhe. Und in den Niederlanden soll ein Bosco Verticale als Sozialer Wohnungsbau entstehen. Wenn das gelingt spricht doch eigentlich nichts mehr dagegen, den Bosco Verticale als ein Modell für die Zukunft unsere Städte zu begreifen, oder?

 

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