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Landschaft+Gespräch 6

Avatar of Redakteur: Marco Giardino Redakteur: Marco Giardino - 19. December 2017 - Personen

12/19/17

mit Aleksandar Janjić

Aleksandar, Bachelor-Student an unserer Studienfakultät, hat ein Buch zum Thema Exoökologie veröffentlicht. Lest hier (Klick aufs Bild) wie sich das ergeben hat!

Mit der Veröffentlichung deines Buches bist du einer der jüngsten Wissenschaftsautoren Deutschlands. Autoren naturwissenschaftlicher Bücher sind deshalb auch in der Regel länger als Du "im Geschäft" und kennen sich mit den Verlagen, Manuskripten und Co. aus. Wie hat sich das für dich als Studenten also ergeben und welche Schritte musstest Du dazu z.B. beim Verlag in die Wege leiten, damit gerade dein Buch akzeptiert wird? Kann das "jedermann"?

Natürlich. Mit genug Eigeninitiative ist in solchen Fällen alles möglich, sodass man sich vom Faktor "Glück" bestmöglich entkoppeln kann. Recht früh im Studium habe ich die Personen identifiziert und angesteuert, bei denen ich besondere Fähigkeiten erwartete. So kam ich beispielsweise schnell mit dem Direktor des Gemini-Observatoriums aus Hawaii in Kontakt, der mir eine grundlegende Einführung in die Astrobiologie bot. Die anderen Teilnehmer, hauptsächlich aus Südkorea, China und den USA, waren allesamt Astrophysiker, von denen ich im persönlichen Gespräch ebenfalls in äußerst kurzer Zeit viel lernen konnte. Gegenteilig erinnere ich mich aber auch gut daran, dass auch sie bereitwillig ökologische Fragestellungen "aufsaugten", z.B. als ich ihnen die Rolle von Stickstofffixierern oder Mykorrhiza-Pilzen bei einer Ansiedlung von Pflanzen im Mars-Regolith näher brachte - etwas, an das Astronomen natürlich nicht spontan denken. Auch für den Leiter des Kurses verfasste ich dann drei Artikel, die allesamt als ökologische Grundlagen für die Astrobiologie zu verstehen waren. Mir wurde angeboten, diese Artikel in Magazinen wie Spektrum der Wissenschaft zu veröffentlichen, und sie meinten wiederum, dass die Artikel für ihr Format zu lang seien. Den Artikel leiteten die zuständigen Personen dann an Springer Nature weiter - und schon war die Zusage für eine Buch-Veröffentlichung nach der ersten Überprüfung da. Insgesamt also ein Weg, den jedermann mit genügend Eigeninitiative bestreiten kann.

 

Dein Buch informiert über den aktuellen Stand der Astrobiologie - du bezeichnest diese Naturwissenschaft sogar explizit als Exoökologie. Was ist grob umrissen der aktuelle Stand dieser Forschung und was hat sie mit Ökologie zu tun?

Den Begriff der Exoökologie prägte ich bereits in den vorher erwähnten Artikeln - ich verstehe ihn als einen Teilbereich der Astrobiologie, bei dem ökologische Fragestellungen die größte Rolle spielen. Zunächst ist es die Planetologie - also das Aufspüren von Exoplaneten oder anderen Himmelskörpern, die der Erde möglicherweise ähneln oder alternative Bedingungen liefern, die Ökosysteme ermöglichen. Hier spielt die Ökologie schon rein methodisch eine große Rolle - z.B. ist die sogenannte Transmissionspektrografie der Astronomen nichts anderes als die Suche nach ökologischen Signaturen in fernen Atmosphären. Man sucht hier also beispielsweise nach Methan-Sauerstoffverhältnissen, die im Einklang mit einer existierenden mikrobiellen Ökologie und biogenen Stoffkreisläufen zu erklären wären. Deshalb stellen Institutionen wie die ESA auch vermehrt Biologen und Ökologen ein. Bis jetzt haben wir keinen solchen Körper gefunden, dafür aber zig Kandidaten, die noch auf eine Atmosphären-Analyse warten. Weiter geht es mit der Widerstandsfähigkeit von uns bekannten Organismen im interplanetaren Raum - so fanden bereits etliche ökologische Experimente an Bord der ISS statt, bei der Mikroben, Pflanzensamen, Arthropoden usw. den Bedingungen des Weltraums ausgesetzt wurden. Dies macht man hauptsächlich, um das Potential der sogenannten Transspermie beziffern zu können, bei der Lebensformen im Zuge von Asteroideneinschlägen usw. in der Vergangenheit möglicherweise massenhaft in den interplanetaren Raum katapultiert wurden. Man untersuchte also hier die Interaktion von einer Lebensform mit ihrer abiotischen Umwelt, während sie durch das Weltall driftete - also eine direkte Verbindung zwischen Astrophysik (Strahlenphysik), Bewegungsökologie und Genetik. Zuletzt ist eine Frage der Astrobiologie selbst der absolute Grundpfeiler der Bioökologie, wenn man so will - die Abiogenese. Wir wissen immer noch recht wenig darüber, wie die erste Lebensform auf der Erde entstanden ist, also wie die aller erste ökologische Interaktion aus abiotischen Verhältnissen auf unserer blauen Welt überhaupt zustande gekommen ist. Auch die Aktualität spielt eine Rolle für mein Interesse: Wenn es Lebensformen in unserem Sonnensystem geben sollte, wird es in unserer Lebenszeit gefunden werden, denn alle ökologisch angehauchten Missionen stehen in den nächsten drei Jahrzehnten an (Europa-Clipper-Mission, EnEnceladus-Explorer, Titan Mare Explorer, ExoMarsRover). Zum ersten mal in der Geschichte werden außerirdische Gewässer und Sedimente untersucht werden, die lustigerweise im Falle des Titans nicht mal aus Wasser bestehen. Wieso sollte ich mich als junger Mensch, der ja gerade in diesem Jahrhundert leben wird und sich an der ökologischen Grundlagenforschung interessiert, diesem Forschungsfeld also im Vorhinein versperren? Manchmal fragen mich Leute kopfschüttelnd, wieso ich mich für sowas interessiere - ich hingegen verstehe (zum Glück) nicht, wie man sich solchen Fragestellungen freiwillig entziehen kann.

 

Forschst du selbst im Bereich der Astrobiologie? Welche Erkenntnisse konntest Du bisher erlangen und was erhoffst Du dir durch die exoökoligsche Forschung?

Experimentell nicht, hierfür fehlen mir auch einfach die Mittel. Ich habe jedoch kleinere Beiträge geliefert, die gut angenommen oder stark diskutiert wurden - so setze ich mich im Einklang mit einigen anderen Autoren z.B. dafür ein, dass Viren eine wesentliche Rolle bei der Entstehung des Lebens spielten oder sogar deren Vorläufer sind, was extrem kritisiert wurde, da man gemeinhin annimmt, dass Viren "übrig gebliebener Müll" von ehemaligen Mikroben und deren Plasmiden sind. Ich spielte auch mit der Idee, unter welchen Umständen es möglicherweise mehrere Ursprünge des heutigen irdischen Lebens geben könnte, anstatt von einer einzigen Urzelle auszugehen - etwas, dass als Many first cells hypothesis von einigen wenigen angenommen, aber meist ebenfalls scharf kritisiert wurde. Ich verfüge aber kaum über praktische Erfahrung, weshalb ich hier noch viel lernen werde.

 

Nun hast Du mit der Astrobiologie eine doch sehr individuelle Wahl getroffen. Neben astrophysikalischen Lehrveranstaltungen am Garchinger Campus besuchst Du seit einigen Jahren auch Veranstaltungen an unserer Studienfakultät. Zunächst mag man meinen, das sei eine ziemlich verrückte Kombination. Doch ist das wirklich so verrückt oder hat das ganz nachvollziehbare Gründe?

Natürlich mutet die Kombination komisch an, wenn ich auf der einen Seite eine Ausbildung im Master über Kosmische Hintergrundstrahlung, Dunkle Materie & Schwarze Löcher erhalte, und hier über Biome, Böden, Populationen und Naturschutzdiskurse aufgeklärt werde. Aber es gibt nun mal einen kleinen Bereich, der einer interdisziplinären Schnittstelle entspricht, eben die Astrobiologie. Darüber hinaus stellt sich mir aber grundsätzlich schon die Frage, wieso das überhaupt als ungewöhnlich angesehen werden sollte? Wieso sollte ich mich als Ökologie-Student zwanghaft gegen eine astrophysikalische Ausbildung entscheiden oder vice versa? Oder gegen Informatik, Medizin, Wirtschaft, Soziologie, Kunst? Selbst wenn die Themen überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten (was ohnehin nicht der Fall ist), darf man sich ja wohl im Eigeninteresse alle Wege offen halten. Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Dazu auch eine kleine Anekdote: Die Suche nach Leben in den Untergrund-Ozeanen auf den Monden Europa und Enceladus wurden von einem japanischen Zoologen maßgeblich befeuert, der einfach nur die Ernährungsweise von Robben untersuchen wollte. Er entdeckte durch die Analyse des Bewegungsverhaltens der Robben ein extremes Ökosystem unter dem ewigem Eis der Antarktis, das nun Astrobiologen genauso gut gefällt wie den dicken Robben, die sich hier satt fressen.

 

Stößt Du dennoch mit deiner Fächerkombination häufig auf Probleme mit der Uni-Bürokratie? Oder ist unser Institut eine gute Stelle und Hilfe für deine Arbeit?

Es gibt keine Probleme - die zuständigen Personen in unserem Haus wie Herr Dittrich sind äußerst tolerant und auch interessiert, wenn man seine Anliegen deutlich und verständlich begründen kann und die nötigen Pflichtleistungen regelkonform erfüllt. Und selbst wenn es massive Probleme gäbe, muss ich sie ja gar nicht erst dulden oder überhaupt als existent betrachten. Es ist natürlich auch nicht so, dass ich alles anders mache. Natürlich belege ich auch unsere hochspannenden Vorlesungen und Seminare und interessiere mich z.B. äußerst für die grundlegenden Fragestellungen der Naturschutzbiologie und Populationsökologie. Manchmal - so gestehe ich - wünsche ich mir ein bisschen mehr Formalwissenschaft und weniger "Lari Fari"-Konzepte hier und dort. Die Arbeit der höheren Semester inspiriert mich aber sehr, besonders die Felder von Prof. Kollmann, Prof. Weisser und den ausgezeichneten Vortragenden wie Dr. Habel. Eine besondere Hilfestellung zur Orientierung in der Anfangszeit war mir auch Prof. Haber - eine solche Persönlichkeit haben andere Institute kaum zu bieten.

 

Du bist jetzt im 7. Semester. Wünschst Du dir dann auch ein exoökologisches Thema für deine Bachelorarbeit, um dann in die astrobiologische Forschung eintreten zu können? Oder sind die anderen Aspekte unseres Hauses nun genauso interessant für dich geworden?

Eine Bachelorarbeit im exoökologischen Bereich hätte ich mir gut vorstellen können, ist aber nicht nötig, da meine Bacheloarbeit bereits im Sommer 2017 begonnen hat. Zusammen mit Prof. Grunwald Kadow untersuche ich die Epigentik von Drosophila melanogaster und wir versuchen diesen Fliegen im Experiment eine von uns gewünschte Evolution aufzuzwingen (Assisted Evolution), indem wir einen starken Umweltdruck erzeugen. Das Experiment ist momentan im vollen Gange und nimmt etwa 1,5 Jahre in Anspruch (auch das verträgt sich z.B. überhaupt nicht mit dem Stundenplan, weshalb ich mich hier ebenfalls beim Studiendekan Prof. Schöbel und Prof. Kollmann bedanken darf). Hier zeigt sich also am besten: Die Exoökologie ist kein Muss, ich interessiere mich auch für allerlei andere Fragen der ökologischen Forschung. In der Ökologie will ich eine äußerst breite und dennoch vertiefte Kenntnis in allen möglichen Bereichen - diesem Trend, dass man sich auch ja nur auf eine Fachdisziplin vertiefen muss, folge ich nicht.

 

Dann hast du vermutlich auch noch keinen konkreten Berufswunsch, oder? Kannst du dir weitere Arbeiten bei uns am Campus vorstellen?

Einen konkreten Berufswunsch kann ich nicht nennen, wenngleich mir eine akademische Laufbahn mitsamt Forschung und Lehre bestimmt gut gefallen würde. Das kann ich mir an unserem Campus auch vorstellen - aber erst mal muss ich spannende Arbeiten und Ergebnisse liefern.

 

Der Link zum Buch: www.springer.com/de/book/9783662547861

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