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Anmerkungen zu Professor Kühns Vortrag über die Verwendung von Fremdarten

Avatar of Redakteur: Marco Giardino Redakteur: Marco Giardino - 26. October 2017 - Kritische Stimmen, Aktuelles, Forschung

von Markus Bauer

Herr Professor Kühn hat sich meiner Ansicht nach in seinem Vortrag am Weihenstephaner Forum zum einen an einer Stelle widersprochen, und zum anderen seine Position nicht gegenüber einer aktuellen Gegenposition, sondern gegenüber einer überwundenen aufgebaut.

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Herr Kühn schließt seinen Vortrag mit einem Zitat das aussagt, dass man nach funktionalen Gesichtspunkten gestalten und planen solle. Als extremste Gegenposition führt er das Zitat von Heinz Ellenberg von 1939 an, dass eine saturierte und ausgrenzende (im allgemeinen Sprachgebrauch würde man 'rassistisch' sagen) Sicht auf Vegetation wirft. Die Antwort auf diese Gegenüberstellung ist klar, womit Herr Kühn keinen neuen Beitrag zum Diskurs über invasive Arten leistet. Durch die Verteidigung gegenüber dieser alten Position, muss er sich nicht der Kritik an seiner Position der rein funktionalistischen Sichtweise stellen. Fruchtbarer wäre es aber gewesen aktuelle Kritik aufzugreifen und seine Position daran weiterzuentwickeln.

Heutzutage ist klar, dass es kein zeitloses Klimaxstadium gibt und sich Natur stets entwickelt, und dass es schon immer Austausch gegeben hat und zum Beispiel unsere Wiesen erst durch die Einwanderung unter anderem aus Mittelasien so artenreich werden konnten. Außerdem unterscheidet jeder Neophytenexperte zwischen meist 'guten' Archäophyten und 'bösen' sich stark ausbreitenden Neophyten. Das heißt, man impliziert mit dieser Unterscheidung eine 'gute' Entwicklung bzw. eine 'böse' Veränderung. Es geht dabei um die Geschwindigkeit der Veränderung, wobei eine moderate Veränderung als 'gute Entwicklung' aufgefasst wird. Demgegenüber steht dann eine 'galoppierende und umstürzende' Veränderung.

Kurz gesagt interessiert das Spannungsfeld zwischen langsamer Entwicklung und schneller Veränderung, zwischen 'Verwurzelung' und 'Entwurzelung'. Diese schnelle Veränderung wird hervorgerufen, wenn man rein nach funktionellen Gesichtspunkten gestaltet und plant und z. B. aus einen globalen Pool die für einen Zweck beste Art auswählt (z. B. Art verträgt Standort und bietet besten Schatten). Einher gehen damit meist ökonomische Aspekte (Welcher Baum ist günstiger im Einkauf, macht weniger Dreck für die Straßenreinigung, etc.). Wir Menschen sind aber keine Tiere (Tiere wie sie die Ökologie zeichnet), die nur aufs Überleben und die Reproduktion achten, also auch keine reinen Nutzenmaximierer (Homo oeconomicusse, wie sie die Ökonomie zeichnet). Menschen weisen Dingen und Lebewesen Bedeutungeni zu, weil sie in einer Welt voller Bilder (Vorstellungen) und Geschichten leben. Aus diesem Grund können Menschen eine rein funktionelle Gestaltung und Planung als kühl empfinden und als nichts mit dem man sich identifizieren könnte. Es geht also um die Toleranz vieler verschiedener, regionaler Lösungen und Eigenheiten (Das kann dann ein Baum sein, der nur den drittbesten Schatten wirft und am viertbilligsten ist) ohne durch globale Maßstäbe von vermeintlicher Wirtschaftlichkeit, vermeintlicher Funktionalität oder Moden diese Vielfalt unnötig zu verringern.

Hier komme ich zu dem eingangs erwähnten Widerspruch von Herrn Kühn: Abschließend zeigt er ein Zitat, dass behauptet man soll nach funktionellen Merkmalen gestalten, aber zu Beginn seines Vortrags macht er mit einem anderen Zitat darauf aufmerksam, dass man bei der Planung und Gestaltung nicht nur Ökosystemprozesse, sondern auch kulturelle Aspekte beachten sollte. Darin stimme ich ihm voll zu. Ich vereinfache 'kulturelle Aspekte' und bezeichne damit Bezüge die in Raum und Zeit hergestellt werden. Die also die Leute, die Dinge die in und um einen Raum sind und die Geschichte des Raums und seiner Umgebung bei der Gestaltung und Planung berücksichtigen.

Für Herrn Kühn ist 'nachhaltige Pflanzenverwendung', wenn eine Pflanze erfolgreich anwächst und dem Entwurf entspricht. Das erste geht nicht über schlicht 'Pflanzenverwendung' hinaus und das zweite lässt viel Raum für Spekulationen: Nimmt der Entwurf Bezug auf Raum und Zeit oder ist er eine Selbstverwirklichung des Landschaftsarchitekten oder -planers, womit der Plan gar herrschaftliche Züge hätte, welche Herr Kühn bei seinen historischen Darstellungen eigentlich abgelehnt hatte.

Es geht meiner Ansicht nach darum bei der Gestaltung und Planung die Eigenart einer Landschaft zu beachten, wenn sie die Menschen erreichen will. Eigenart bedeutet das Besondere zu erhalten oder moderat zu entwickeln. Also die Dinge zu erhalten und moderat zu entwickeln, die man Fremden, Gästen und Neuankömmlingen erzählen kann, weil sie anders sind als bei ihnen zu Hause. 'Eigenart' schließt Entwicklung nicht aus, ganz im Gegenteil es beinhaltet konstitutiv stetige, moderate Entwicklung. 'Eigenart' beinhaltet im Gegensatz zum 'Alleinstellungsmerkmal' etwas aus der Vergangenheit Erwachsenes und immer weiter sich Entfaltendes und nicht etwas 'Noch-nie-Dagewesenes'. Das Gegenstück von Eigenart und durch sie erzeugte Vielfalt ist Beliebigkeit und darüber lassen sich keine Geschichten erzählen. Meiner Meinung nach sollte man nicht nur nach Funktionalität, Preis und Prestige planen und gestalten. Landschaftsarchitekten und -planer gestalten und planen ja weder ein Gehege für einen Zoo, noch ein Kunstobjekt, das man bestaunt, sondern eine Landschaft, also die normale Lebenswelt des Menschen. Man sollte also vielmehr den Kontext beachten und auf Eigenheiten achten (was ja eigentlich gelehrt wird, aber manchmal vergessen wird), damit sich der Platz, das Biotop, der Park, das Ökosystem in die (Stadt-)Landschaft einfügt und diese sinnvoll weiterentwickelt und nicht ein Element neben anderen ist.

Mein Fazit ist, dass es eine differenziertere Sichtweise auf Fremdarten braucht, als sie Herr Kühn in seinem Vortrag präsentiert hat und eine rein funktionalistische Planung und Gestaltung nicht die beste Lösung ist (wie es das Zitat der letzten Folie nahelegt). Meiner Ansicht nach sollte man umsichtig und zurückhaltend mit Neophyten planen und gestalten sowie nicht alleinig auf die 'Optimierung' einer bestimmten Funktion achten. Zudem verringert man durch eine umsichtige Planung die Wahrscheinlichkeit für ungewollte Nebeneffekte, die der Mensch nicht mehr kontrollieren kann. (Die damaligen Imker und Gärtner hatten vermutlich nicht im Sinn, dass einige ihrer schönen Stauden später, getrieben durch die Eutrophierung der Landschaft, Auen auf diese Weise verändern.) P.S. Herr Kühn erwähnte, dass die Ausbringung von Fremdarten in einem Gebiet die Biodiversität erhöht, weil dann mehr Arten an diesem Ort sind. Ich finde diese Verkürzung unlauter, weil Biodiversität nie als reine Artenzahlmaximierung definiert wurde geschweige denn empfunden wird. Sie wurde angelegt in der Vielfalt der Lebensräume und Arten und Gene und dabei sorgen artenarme Lebensräume genauso für Vielfalt wie artenreiche und genetisch breitgefächerte Arten genauso wie genetisch einfache Arten. Aus diesem Grund ist es eine Anmaßung, dass sich Arten verwildern sollen, um die Artenzahl an einem bestimmten Ort zu erhöhen. Das ist die gegenteilige Extremposition zu der hermetischen Abriegelung gegen sämtliche Fremdarten und knüpft nicht an das an was man unter Vielfalt versteht und schätzt.

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iEs gibt unterschiedliche Wertzuweisungen: inhärenter Wert [etwas bedeutet jemanden viel], instrumenteller Wert [etwas hat einen hohen funktionellen Wert]; z. B. ein Liebesbrief hat eine hohe Bedeutung oder inhärenten Wert für jemanden, der instrumentelle Wert (z. B. zum Heizen oder Rückseite beschreiben) des Papiers ist aber gering.

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