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Avatar of andreas.printz andreas.printz - 24. April 2017 - Aktuelles, Forschung, International

von Andreas Printz

March for Science. In über 600 Städten der Welt demonstrierten am 22.4.17 hunderttausende gegen den Bedeutungsverlust der Wissenschaft, 3.000 davon in München. Bei einer auch allgemeinen Ausrichtung richteten sich die weltweiten Märsche aber insbesondere gegen den durch die Trump-Regierung ausgelöste antiwissenschaftliche Diffamierungs- und Ignoranzkampagne, welche durch massive Haushaltskürzungen in einigen missliebigen Forschungsbereichen eine konkrete Bedrohung von Wissenschaft mit historischen Dimensionen darstellt. Darf die „neutrale“ Wissenschaft, dürfen „neutrale“ Wissenschaftler überhaupt demonstrieren und wie sieht das (am Beispiel Münchens) aus, wenn sie es tun? → Lies hier den vollständigen Artikel!

Warum gerade jetzt ein ‚March for Science‘ ?
Ausgelöst wurde die weltweite Kampagne „Marsch für die Wissenschaft“ vor allem durch wissenschaftsfeindliche Exzesse von Trump und seiner Administration. Durch Sätze wie dieser: “The concept of global warming was created by and for the Chinese in order to make U.S. manufacturing non-competitive.” Der nicht belegte Glaube an die sogenannte Klimalüge hat sehr konkrete Auswirkungen: wie z.B. die Ernennung von Protagonisten der Klimaveränderungsleugner-Lobbyisten-Szene als Leiter der US-Umweltbehörde ist dabei leider nur ein Beispiel: Scott Pruitt war einer der entschiedensten Gegner der Klimaschutzmaßnahmen der Regierung Obama und nutzte damals seinen Job als Generalstaatsanwalt, um diese maximal zu behindern. Die Budgetkürzung der Behörde um 1/3 sowie z.B. die hartnäckige Forderung von Trump nach einer Liste aller Wissenschaftler, welche klimarelevante Studien für die Umweltbehörde erstellten kann im Kontext der aggressiven Rhetorik des neuen Präsidenten der USA nur als existenzieller Angriff auf relevante Wissenschaftler verstanden werden. Auch wenn andere Wissenschaftsbereiche sich nicht allzu sicher sein sollten vor Trump’scher willkürlicher Ideologie geschützt zu sein – tatsächlich wird gerade unsere Profession, der Umweltbereich, in besonderem Maße angegriffen. Im Hintergrund geht es um den längst überkommen geglaubten Kampf Wirtschaft gegen Umwelt. Obwohl sich seit den 80er-Jahren eigentlich überall die Erkenntnis mehr oder weniger durchgesetzt hatte, dass eine Entwicklung nur integrativ nachhaltig entwickelt werden kann. Nun werden von der Trump-Administration alte fossile Technologien wider besseres Wissen gegen die Umwelt an den Start gebracht. Stattdessen werden Erkenntnisse und Forschung in einem global existenziell bedeutenden Bereich ohne ernstzunehmende Evidenz angegriffen da sie offenbar dem Glauben an ein nationalistisch-protektionistischen Wirtschaftskonzept im Weg stehen. Im Rahmen dieses Beitrags kann und soll darauf nicht weiter eingegangen werden-es soll nur kurz der Hintergrund für die (guten und wichtigen) Gründe für einen globalen Marsch für die Wissenschaften aufgezeigt werden.
Auch wenn viele Äußerungen Trumps mittlerweile nicht mehr ernst nehmen („er hat seine Meinung ja schon in so vielen Punkten geändert“), da ist mehr ohnmächtiger Wunsch als realistische Hoffnung – die konkreten und direkten Auswirkungen auf unsere US-KollegInnen im Umweltbereich werden drastisch sein und können in ihrer gefährlichen Wirkung auf die Wissenschaft auch jenseits von US-Grenzen gar nicht überschätzt werden. Und diese Art autoritär-populistischer, ausschließlich auf Ideologie und Glaube beruhende Art Politik zu machen (dazu zählt auch in nicht einigen Bundesstaaten der USA auch der Ersatz der Evolutionstheorie durch kreationistische Glaubenstheorien. Eine antiwissenschaftliche Renaissance hat sich in der letzten Zeit ja fast schon epidemisch weltweit ausgebreitet. Genannt seien an dieser Stelle nur Türkei (derzeit sitzen dort hunderter kritischer Wissenschaftler im Gefängnis), Ungarn (drohende Schließung der CEU-Universität), usw.     

Das schlichte Erfolgsrezept populistischer Politiker ist ja, die aktuellen Herausforderungen unserer komplexer werdenden Welt für ihre potentiellen Wähler durch Wissensverkürzungen scheinbar einfacher begreiflich zu machen. Dabei werden missliebige Erkenntnisse, welche auf Komplexität und Handlungsnotwendigkeit hinweisen gezielt diffamiert und eliminiert. Die Versuche Tatsachen durch „alternative Fakten“ zu ersetzen nehmen zu. Fake news werden von Bot-Armeen in sozialen Netzwerken verbreitet und verhelfen zu Wahlerfolgen. Die Auswirkungen einer solchen Politik, welche versucht auf die sich international zuspitzenden und wachsend komplexen Herausforderungen nicht mehr erkenntnisorientiert sondern nationalistisch-ideologisch oder glaubensbasiert zu begegnen gefährden die Zukunft großer Teile der Menschheit massiv und sehr konkret. Dabei ist der globale Klimawandel nur ein Beispiel. Die Leugnung wissenschaftlicher Kenntnisse trägt zur allgemeinen Verwirrung und damit Handlungsparalyse bei. Sie führt an wichtigen Schlüsselstellen zu falschen oder fehlenden Entscheidungen. Und das, obwohl gerade z.B. im Bereich Klimapolitik innerhalb der wissenschaftlichen Community eigentlich kaum noch jemanden gibt, der ernsthaft dringenden Handlungsbedarf in Frage stellt. Das Schüren von Hass auf Minderheiten scheint zumindest temporär leider immer noch, immer wieder ein erfolgreiches Rezept zu sein um von den eigentlichen Problemen oder einer zielorientierten Sachpolitik ablenken zu können.

Das Dilemma des politisch engagierten Wissenschaftlers

Und da hilft einfach nur immer wieder, rechtzeitig und deutlich gegen diese falschen Behauptungen aufzustehen und sie richtigzustellen. Gerade wenn es in einer Gesellschaft scheinbar immer unwichtiger wird, eine faktenbasierte sondern eher eine „Starke-Persönlichkeits“-Politik zu wählen. Klar ist aber auch, dass Wissenschaftler gut daran tun, sich aus den „Niederungen“ machtpolitisch beeinflusster Tagespolitik herauszuhalten und aufpassen müssen, dass ihre Arbeit nicht von dort aus (von welcher Seite auch immer) funktionalisiert wird. Schnell droht ansonsten dem Wissenschaftler selbst Ideologisierung statt wirkliche Erkenntnis. Vermutlich ist das auch der Hintergrund, warum z.B. die Leitung von TUM und LMU den March of Science in München leider nicht unterstützten. Wissenschaftler dürfen es sich aber gerade in diesen unseren Zeiten nicht so einfach machen, sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen. Vielleicht hilft dabei auch ein Blick zurück, als im Rahmen der Diskussion um die atomare Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den 50er-Jahren in der „Göttinger Erklärung“ führende 18 Physik-Wissenschaftler eine klare Haltung gegen Massenvernichtungswaffen zeigten (und damit sicherlich auch entscheidenden Einfluss auf eine entsprechende Entscheidung hatten). Vorausgegangen waren auch nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki widerstreitende Stellungnahmen führender Physiker, welche die wissenschaftlichen Grundlagen dazu entwickelt haben (Einstein, Oppenheimer, Teller). Dazu empfiehlt sich z.B. Dürrenmatt („Die Physiker“) oder auch Kipphardt („In der Sache J. Robert Oppenheimer“) zu lesen. Wie lange wäre in den 80er-Jahren das Waldsterben noch weitergegangen, hätten nicht entsprechende Wissenschaftler damals öffentlich Alarm geschlagen? Oder war das ohnehin alles übertrieben? Waldsterben - war da was? Wo war der wissenschaftliche Aufschrei und die Stellungnahmen gegen die pseudowissenschaftlichen nationalsozialistischen Rassenhygienetheorien und Arbeiten von einigen Anthropologen und Humangenetikern? Oder wäre man damals nicht ganz schnell weg vom (Universitäts-)fenster gewesen?  

Diese wenigen Fragen sollen das widersprüchliche und nicht einfache Verhältnisfeld neutraler Wissenschaft und ihre gesamtgesellschaftliche Verpflichtung nur aufreißen – nicht auflösen. Möglicherweise wird das auch immer Diskussionsgegenstand bleiben und im Einzelfall sind natürlich vor allem individuelle ethische Entscheidungen gefragt. Der Autor ist allerdings der Ansicht, dass allein die Diskussion um ein mögliches „Anthropozän“ Anlass wäre, die jahrzehntelange Übervorsichtigkeit und Zurückhaltung angesichts der oben skizzierten Lage eines unsachgemäßen oder doch grob fahrlässigen Umgangs damit zu überdenken. Ein politisches Nicht-Engagement wird man sich m.E. angesichts einerseits historischer Herausforderungen aggressiver populistischer Strömungen, Glaubenshaltungen und „alternative Fakten“ schlicht und einfach zukünftig nicht mehr leisten können.

Gerade in unserem Bereich wird es vermehrt darauf ankommen, nicht unreflektierte (Gegen-) Glaubenssätze zu posten sondern sorgfältig und „vernünftig“ begründete Gegenpositionen klar zu machen. In diesem Sinne ist die Aufnahme der School of Governance als 14. Fakultät an der TUM unbedingt als positives Signal zu sehen. Entsprechend auch die Zusammenarbeit mit unserer Studienfakultät, obwohl die Zusammenarbeit nicht mit Erwartungshaltungen überfrachtet werden sollte, denen sie nicht gerecht werden kann.

Der Münchener March of Science
Und was war jetzt auf der Demo eigentlich los? Auch in München war die Beteiligung deutlich höher, wie auch weltweit erwartet: während es um Punkt 10:30 beim offiziellen Starttermin am Stachus erst einige wenige 100 TeilnehmerInnen waren zogen dann doch ca. 3.000 DemonstrantInnen los. Ganz offenbar überwiegend Personal der Münchner Universitäten und Hochschulen. Ich vermute, ich war noch nie auf einer Demo mit so einem spürbar, greifbar hohem wissenschaftlichen Abschlussniveau. Entsprechend jede Menge geistreiche und witzige Plakate. Und insgesamt eine sehr entspannte und friedliche Stimmung – ab und an vielleicht fast etwas akademisch unterkühlt, obwohl auch eine Samba-Batucada Frauenband die Menge immer wieder stark rhythmisierte. Lediglich die ‚Democrats abroad‘ hatten Parolen und Sprechchöre (sowie manch eine pinke Mütze von einer Anti-Trump-Demo) drauf. Auffällig hoch war die Beteiligung internationaler KollegInnen, nicht nur aus anglophonen Ländern, aber auch aus Ungarn (und anderen Ländern, an denen wissenschaftliche Arbeit derzeit stark behindert wird. Auch demographisch waren alle Altersklassen sehr ausgeglichen vertreten. Die ein oder andere StudentIn sogar einer TUM-Fachschaft war auszumachen. Da läge aber vermutlich genauso quantitatives Entwicklungspotential wie beim wissenschaftlichen Personal in Weihenstephan (vermutlich war außer mir genau 1 (ein) Kollege aus Weihenstephan vor Ort dabei, ohne dass ich das systematisch gescannt hätte). Trotz niedriger Temperaturen auch bei der zweiten Rednerserie am Siegestor harrten noch viele bis zum Ende gegen 14:00 aus. Toll auch vereinzelter spontaner Beifall von Passanten gab. Auch das ist ein eher seltenes Phänomen.
Dass ein aktuelles Engagement sich lohnt und notwendig ist, haben übrigens dort doch auch noch einige TUM-ProfessorInnen auf der Abschlusskundgebung ebenso gezeigt wie der Präsident der Münchener Max-Planck-Gesellschaft und viele andere – vielleicht schauen sich dort die Universitätsleitungen von TUM und LMU nochmal etwas Zivilcourage und Haltung ab. Es würde aber auch der Blick auf eine tolle, engagierte Rede der Vertreterin der TUM-StudentInnen Nora Pohle genügen. Auch und gerade für unsere StudentInnen. Hoffentlich in Bälde hier nachzulesen.
Fazit – man hatte das Gefühl, dass für alle Beteiligten die Demo ein richtiges Muss war, auf den täglichen Wahnsinn zu reagieren. Man wünscht sich mehr solch friedliche, fantasievolle konstruktive Äußerungen.

http://marchforscience.de/, http://marchforscience.com

ZEIT-Artikel (1), ZEIT-Artikel (2)

Filmszenen u.a. aus München auf Süddeutsche

Präsident Max-Planck-Gesellschaft Stratmann mit Gastbeitrag in Süddeutscher

tz - Bericht über die Demo in München

BR-Kurzbericht (Video)

 

 

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