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Landschaft+Gespräch 1

Avatar of Redakteur: Marco Giardino Redakteur: Marco Giardino - 21. April 2017 - Personen

mit Regine Keller

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fett - LandschaftPlus

kursiv - Prof. Regine Keller

 

Sie haben einen sehr bewegten Lebenslauf, haben z.B. unterschiedlichste Ausbildungen und Studien hinter sich. Außerdem haben Sie zahlreiche Ämter besetzt. Wie kommt man zu so einem bewegten Lebenslauf?

 

Das hing meistens von privaten Gründen und Lebenskonstellation ab. Im Rückblick sind für mich solche Entscheidungen aber sehr klar. Als Resümee aus so einem bewegten Lebenslauf ist die Erkenntnis zu ziehen, dass wenn man mit einem Berufswunsch nicht erfolgreich vorankommt, es Sinn macht, sich Alternativen zu überlegen. Offen zu sein für die eigenen Ideen, wo die Reise im Leben denn noch hingehen kann. Vom Theater zum Gartenbau kam ich, weil ich einen Beruf machen wollte, der mal etwas ganz Anderes ist. Ich hatte den Wunsch, dass das, was ich mache, auch sichtbar ist. Schlussendlich kam ich aber dann zur Erkenntnis, dass ich den Beruf der Gärtnerin als Frau aber nicht bis ins hohe Alter machen konnte und ich mich auch intellektuell unterfordert fühlte. Die Inspiration kam dann tatsächlich von Landschaftsarchitekten auf der Baustelle. Ich sagte mir, dass was Landschaftsarchitekten zeichnen und können, das möchte ich auch lernen.

 

 

Würden Sie im Rückblick etwas anders machen?

 

Das weiß ich nicht. Für mich ist ein Lebensmotto: Offen sein für Möglichkeiten, die sich einem bieten und das ist jeden Tag der Fall. Die muss man sehen und erkennen. Ähnlich ist das auch bei den von mir besetzten Ämtern in der Universität. Ich habe nicht geplant, diese irgendwann mal zu besetzen, sondern, sie wurden an mich herangetragen. Und erst in diesem Moment als man mich gefragt hat, habe ich die Möglichkeit gesehen und auch ergriffen.

 

 

Können Sie junge Menschen motivieren möglichst viel mitzunehmen? Mutig zu sein? Und auch mal lange zu studieren und zu lernen?

 

Auf jeden Fall. Offen zu sein und zu spüren, wo man sich wohl fühlt und wo es einem absolut widerstrebt. Auch die Erkenntnis im Studium, dass es einem überhaupt nicht liegt, ist wichtig. Den eigenen Neigungen und dem Reiz nach Neuem nach zu gehen und sich dann in diese Richtung hinein zu vertiefen.

 

 

Also keine Angst vorm Studienabbruch?

 

Überhaupt nicht. Es gibt nichts Schlimmeres als jahrelang etwas zu tun, das man nicht mag. Das finde eine ganz schreckliche Vorstellung.

 

 

Welche Personen waren am prägendsten für Ihren beruflichen Werdegang?

 

Das sind verschiedene Personen, die gar nicht als Einzelpersonen in Erscheinung traten. Das waren eher Personen im Hintergrund, die mich, manchmal von mir selbst unbemerkt, gefördert haben. Als Beispiel fällt mir eine Landschaftsarchitektin, Doro Müller, ein, bei der ich während des Studiums im Büro gearbeitet habe. Sie hatte ein unglaublich großes Staudenwissen und ich kann sagen, dass ich mein Staudenwissen definitiv von ihr habe, da das im Studium so intensiv nicht vermittelt wurde. Es gab Mittagspausen, in denen man zusammen in den nahe gelegenen Botanischen Garten ging, um Pflanzen zu bestimmen. In der Universität war sicher Prof. Valentin eine prägende Person, der mich gefragt hat, ob ich seine Assistentin sein möchte. Neben diesen Personen gibt es aber sicherlich noch zahlreiche andere Personen, die ich jetzt unfairerweise nicht mehr genau in Erinnerung habe.

 

 

Haben oder hatten Sie ein Lieblingsprojekt?

 

Auch da gibt es wieder sehr viele. Ein Projekt, das mir unglaublich viel Spaß gemacht hat, war die Sanierung des Olympischen Dorfes in München. Dort konnten wir in die Idee der 70er-Jahre-Architektur eintauchen und die Geschichte des Olympiaparks und der Olympischen Idee nachvollziehen. Das fand ich unheimlich spannend. Eines der aktuellsten Projekte ist die Sanierung des Klosters Raitenhaslach. Da ging es um den Umbau eines denkmalgeschützten Klosters in einen Studienort. Auch das hat mir unglaublich viel Freude bereitet.

 

 

Also würden Sie auch sagen, dass es nicht immer nur um Dinge geht, die man aus der Uni mitnimmt, sondern auch um das, was nebenbei passiert? Oder auch viel zu lesen?

 

Ja, vor allem das Lesen. Ich bin ein richtiger Bücherwurm und habe mir damals alles geholt, was ich in der Unibib bekommen konnte. Das waren nicht nur Fachbücher, sondern auch Bücher über Philosophie, die ich unglaublich interessant finde. Ich wollte schon immer verstehen, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren und diese sich auch in der Gestaltung ausdrücken. Ich habe damals das Magazin Arch+ gelesen, in dem ich auch einen theoretischen und philosophischen Diskurs fand, der mir in der Uni oft gefehlt hat.

 

 

Ihr Blickwinkel auf die Landschaft gilt besonders dem öffentlichen Raum. Ich kann mich an eine Vorlesung erinnern, in der Sie über einen aufgeregten Anrufer erzählten, der fragte, was man denn gegen die Mountainbiker tun könnte, die ihre Spuren im Rasen des Münchener Olympiaparks hinterließen. Da sagten Sie: „Nichts. Lassen Sie die Mountainbiker doch einfach fahren“. Woher kommt diese Einstellung?

 

Sicherlich aus meinem Elternhaus. Für mich sind die demokratische Gemeinschaft und genossenschaftliches Denken Voraussetzung dafür, fair in einem Staat miteinander leben zu können. Das bedeutet einerseits, Menschen Freiheiten zu gewähren und andererseits, ein gemeinschaftliches Verständnis zu haben, wie man mit diesen Freiheiten umgeht. Im öffentlichem Raum muss man sich darauf verständigen was geht und was nicht. Manche Dinge halte ich in der Bewahrung von öffentlichem Raum einfach übertrieben, also das ein Rasen benutzt werden soll, ist einfach Grundbedingung. Denn es gibt genug Menschen, die keinen Privatgrund haben und dringend auf den öffentlichen Raum als Ort der Freizeit und Erholung angewiesen sind. Wenn wir das nicht gewährleisten können, dann reduzieren wir diese Menschen auf einen sehr kleinen Raum und ich finde, das geht nicht. Das würde Unfrieden stiften, denn der öffentliche Raum gehört uns allen.

 

 

Sie sind auch viel mit Studenten im Ausland unterwegs. Schlagen sich die Krisen, die es in Europa gibt, zum Beispiel die Währungs- oder Schuldenkrise, auch auf den öffentlichen Raum nieder?

 

Man sieht wie in europäischen Hauptstädten wie Madrid oder Athen die Krise viel stärker zugegriffen hat als bei uns und den öffentlichen Raum und das Stadtbild massiv verändert hat. An diesen Beispielen können wir studieren und sehen, wie es kommen könnte. In unserer Funktion können wir die Politik beraten, wie man so etwas verhindern kann.

 

 

Was werden die größten Herausforderungen der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung in Zukunft sein?

 

Eine der größten Herausforderung ist es, eine Gestaltung und ein Design zu entwickeln, da sich wieder intensiver mit der Ressourcen- und Ökologiefrage auseinandersetzt. Ich beobachte sehr stark, dass in den letzten Jahren in vielen Städten Projekte im Vordergrund standen, in denen das Design stark dominierte. Da kommen mir ökologische und klimatechnische Aspekte oft zu kurz. Wir müssen uns, insbesondere im Rahmen des Klimawandels, überlegen, wie wir an Orten, die noch Freiraum sind, clever entwerfen. Das könnten zum Beispiel Entwürfe sein, die Technologien zur Verbesserung des Lokalklimas miteinbinden. Das bedeutet auch, eine noch intensivere Interdisziplinarität in unserem Beruf als bisher zu entwickeln.

 

 

Nun sind wir am Ende des Interviews. Gibt es noch etwas, dass Sie den Lesern mitteilen möchten?

 

Ja, nämlich, dass wir im Anbetracht in allem, was wir bisher in diesem Studiengang geschaffen haben, viel Grund dazu haben, zuversichtlich zu sein. Es ist uns viel gelungen über die Jahrzehnte. Ich denke, dass wir keine Bedenken haben sollten, dass das, was wir zu sagen haben, nicht gehört wird. Wir sollten einfach offen sein für die Entwicklungen, die auf uns zu kommen.

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