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Aktuell: Zum Projektstudium

Avatar of andreas.printz andreas.printz - 08. March 2017 - Lehre, Studienalltag, Aktuelles

von Prof. Dr. Sören Schöbel

Womit eröffnet sich passend ein Blog zur Landschaft an der TUM, zumal in der vorlesungsfreien Zeit? Im Tagesgeschäft nachgesehen: da liegt eine Email aus der Verwaltung, die eine Begründung haben will, warum Studienprojekte voll auf die Lehrverpflichtung angerechnet werden sollen, und nicht etwa nur halb oder zu einem Drittel, wie das nämlich bei einigen 'Sonderformaten' in der Lehre, Praktika oder Exkursionen der Fall ist. Also schauen wir uns doch mal an ...

... was Projektstudium bedeutet.

Obwohl das Projektstudium seit bald einem halben Jahrhundert anerkannte und verbreitete Lehrveranstaltungsform ist, ist es in der Verwaltung, vermutlich auch bei vielen Kollegen der anderen Fakultäten offenbar nicht gut bekannt:

Lies hier den vollständigen Artikel!

jedenfalls kommt es bei hochschulinternen und -externen Controllings (z.B. Lehrverpflichtungsnachweise, Besuche des Rechnungshofs ...) immer wieder zu Fehlinterpretationen, was Anrechnungsfaktoren, Betreuungsrelationen, Gruppengrößen etc. angeht.

Zwar wurde auf unser Betreiben hin in den letzten Jahren sowohl in der Allgemeinen Prüfungsordnung der TUM (die APSO - hat ja jede/r TUMler/in schon mal gelesen!), als auch in der Musterstudienordnung die Lehrform (und die Prüfungsart) Projekt(arbeit) eingeführt. So kann der folgende Text in den Fachprüfungsordnungen erscheinen (und tut das natürlich auch in unseren):

„e) Im Rahmen einer Projektarbeit soll in mehreren Phasen (Initiierung, Problemdefinition, Rollenverteilung, Ideenfindung, Kriterienentwicklung, Entscheidung, Durchführung, Präsentation, schriftliche Auswertung) ein Projektauftrag als definiertes Ziel in definierter Zeit und unter Einsatz geeigneter Instrumente erreicht werden. Zusätzlich kann eine Präsentation Bestandteil der Projektarbeit sein, um die kommunikative Kompetenz bei der Darstellung von wissenschaftlichen Themen vor einer Zuhörerschaft zu überprüfen. Die konkreten Bestandteile der jeweiligen Projektarbeit und die damit zu prüfenden Kompetenzen sind in der Modulbeschreibung aufgeführt. Die Projektarbeit ist auch in Form einer Gruppenarbeit möglich. Hierbei soll nachgewiesen werden, dass Aufgaben im Team gelöst werden können. Der als Prüfungsleistung jeweils zu bewertende Beitrag muss deutlich individuell erkennbar und bewertbar sein. Dies gilt auch für den individuellen Beitrag zum Gruppenergebnis.“ (Musterfachprüfungsordnung für Masterstudiengänge an der TUM. § 41: Studienbegleitendes Prüfungsverfahren, Prüfungsformen)

So ist immerhin geklärt, dass Projektarbeiten Prüfungsleistungen sind (und nicht 'nur' Studienleistungen o.ä.). Noch nicht klar ist aber, wie groß denn nun Projekte, d.h. wie viele Studierende pro Betreuendem in einer Gruppe sein sollen.  Nach den mir vorliegenden Daten sind international Gruppengrößen von 15 üblich (also pro Betreuenden). Nun ist das nicht nur für die Lehrenden interessant, sondern auch für die Studierenden - denn damit hängt unmittelbar die "Zeitintensität" zusammen, die für die Betreuung in den Projekten effektiv zur Verfügung steht. Projekt heißt ja nicht, dass die Betreuer den Studenten, während sie standardisierte Themen abarbeiten, bei Fragen zur Verfügung stehen und so eine riesige Truppe betreuen können. Projektbetreuung und Testat heißen vielmehr, sich in einem intensiven, kreativen, kritischen und innovativen Diskurs mit der Sprache und dem Stift auseinanderzusetzen. An Universitäten und Kunsthochschulen sind die Curricula der Studiengänge Architektur und Landschaftsarchitektur wesentlich durch Studienprojekte geprägt (neben dem Projektbegriff finden verschiedene Kombinationen mit den Begriffen Entwurf-, Studio u.a. Verwendung). Die Bedeutung dieser Lehrform bzw. Lehrveranstaltungsart ist dabei meist so zentral, dass diese Form des Studiums als Projektstudium bezeichnet wird.

So heißt es in unserem Studienführer (und gleichlautend in unseren gefalteten Infobroschüren:

"Das gesamte Studium wird maßgeblich durch Studienprojekte geprägt. In den ersten beiden Semestern dienen die Projekte und begleitende Vorlesungen der Einführung in die für den Berufsstand typische Projektarbeit und der Orientierung zwischen den Vertiefungsrichtungen. (...) Ab dem 3. Semester werden die Projekte in den Vertiefungsrichtungen angeboten und dienen der intensiven Bearbeitung von praktischen Planungsfällen in unterschiedlichen Raumkategorien und Maßstäben. (...)  

Das ist nun keine besonders erschöpfende Erklärung, vor allem aber:  wie lässt sich das in Verwaltungssprache übersetzen? Zum Glück gibt es Wikipedia, und der Eintrag unter dem Titel 'Projektunterricht' enthält tatsächlich auch für universitäre Projekte, insbesondere in der Architektur, brauchbare Erläuterungen, denn Wikipedia weiß, dass sich Im Projektstudium ja die jahrhundertealte Didaktik architektonischer „Entwurfsklassen“ mit der 1970er Reformidee der „Projektarbeit“ verbindet.

„Die Projektmethode reicht bis ins 16. Jahrhundert in Italien bzw. ins frühe 18. Jahrhundert in Frankreich zurück. Architekturstudenten erstellten ‚progetti‘ und an der Académie Royale d'Architecture in Paris sprach man von ‚projets‘, wenn die Studenten selbstständig Pläne und Entwürfe für ein größeres Bauvorhaben anzufertigen hatten. Von den Bauakademien und technischen Hochschulen in Frankreich verbreitete sich die Idee des Lernens am Projekt nach Deutschland, Österreich, in die Schweiz und – Mitte des 19. Jahrhunderts – auch in die Vereinigten Staaten.“ (Wikipedia: Projektunterricht)

Zuvor heißt es außerdem:

„Projektunterricht, auch Projektarbeit, bezeichnet allgemein eine Lehr- und Lernform, bei welcher der Projektgedanke die maßgebliche Rolle spielt. Es handelt sich um eine Erneuerungsidee, die mehr Lebensnähe, Problembewusstsein und interdisziplinäres Denken sowie Verselbstständigung und Kooperationsbereitschaft anstrebt. Sie ist als Alternative zur theoretisch-intellektuellen Verengung der schulischen Bildung und als Reaktion auf den Frontalunterricht zu sehen und löste in der Schul- und Hochschuldidaktik wie in der Berufs- und Erwachsenenbildung seit den 1970er Jahren einen Reformschub aus.“ (Wikipedia: Projektunterricht)

Projektarbeit darf also nicht als in erster Linie ‚praktisches’ Arbeiten (vgl. Praktikum) missverstanden werden. Sie umfasst im Gegenteil in der Regel im gleichen Umfange theoretische Elemente wie einen Praxisbezug, ist also forschungs- und problemorientiertes, multimethodisches und innovatives Lernen. Entsprechend hoch ist der Zeitaufwand der Studierenden und der Betreuung. Indem niemals standardisierte, sondern immer wieder thematisch und räumlich neue Projektaufgaben gestellt werden, ist die Vorbereitung und Durchführung eines Projekts stets sehr aufwendig. Projekte integrieren mehrere Lernformen. Diese sind, auch wenn es sie als ‚Exkursionen’ oder ‚Kolloquien’ bezeichnet werden, niemals konsumtiv oder repetitiv, sondern stets individuell und im Team zu entwickelnde Arbeitsphasen, die auch in die Beurteilung einfließen (Testate).

Dazu steht nur leider nichts in der einschlägigen Verordnung, die in Bayern die Lehrleistungen der Universitäten regelt. Das einzige Bundesland, in dessen Verordnung sich auf Anhieb etwas finden lässt, ist Thüringen:

„(1) Vorlesungen, Übungen, Seminare, Kolloquien, Repetitorien, künstlerischer Einzel- und Gruppenunterricht sowie Demonstrationen in der Zahntechnik, an Fachhochschulen auch Seminarunterricht und Praktika, werden auf die Lehrverpflichtung voll angerechnet (Anrechnungsfaktor 1). Satz 1 gilt entsprechend für Lehrveranstaltungen, die im Rahmen besonderer Studienformen, beispielsweise dem Projektstudium, abgehalten werden und die hinsichtlich der  erforderlichen Vor- und Nachbereitungszeit mit den in Satz 1 genannten Lehrveranstaltungsarten gleichwertig sind.“ (Thüringer Lehrverpflichtungsverordnung 2005, § 5: Anrechnung auf die Lehrverpflichtung)

Soweit mein Stand. Ich habe den mal an die KollegInnen in Freising, München, Hannover und Berlin geschickt, die sich vermutlich auch mit dieser Frage befassen (müssen) und hoffe, noch etwas Futter zusammen zu bekommen. Was jetzt ganz fein wäre, sind Blogbeiträge, die Beispiele aus dem Studium an anderen Unis im In- oder Ausland liefern. Ich freue mich also sehr über kurze Beiträge, die schildern:
•    wie Projekte anderswo heißen,
•    wie umfangreich sie sind (in Bezug auf die Credits, die üblichen Arbeitszeiten)
•    welche Gruppengrößen und Betreuendenzahlen üblich sind
•    ob und wie benotet wird
Herzlichen Dank
Sören Schöbel

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